Back again in Kolumbien.

Wir haben eine Nacht und einen Morgen Aufenthalt und schlafen in Bogota.
Die Menschen sind freundlich. Es ist kalt.

Am nächsten Mittag geht es weiter nach Leticia.
Ich war hier schon einmal, fast vor genau einem Jahr.

Damals war es noch schwüler und hat mehr geregnet.

Hier im Süden des Landes, am kleinen Wurmfortsatz der tief nach Brasilien oder Peru hineinragt ist man mitten in der „grünen Hölle“ des Regenwaldes.

Wir bleiben zwei Nächte. Organisieren unsere Weiterfahrt.

In brütender Hitze laufen wir in die brasilianische Schwesterstadt von Leticia, Tabatinga.

Nach unzähligem Rumfragen und ein paar Fehlversuchen finden wir den Hafen und bringen in Erfahrung – mit eigentlich null portugiesischem Wortschatz – dass am nächsten Tag gegen Abend ein Boot nach Manaus fährt.

Wenn wir das Ticket heute noch kaufen ist es billiger als am Tag der Abfahrt.

Die Schiffe sind alle ähnlich gleich gut oder schlecht. Je nach Sichtweise.

Im Preis inbegriffen sind drei Mahlzeiten, Trinkwasser und ein Hängemattenplatz.

Wir überlegen kurz und entscheiden das Ticket zu kaufen. Länger wollen wir es nicht in Leticia aushalten müssen.

Wir stempeln noch am gleichen Tag in Kolumbien aus und in Brasilien ein. Die Einreise verläuft schnell und unkompliziert. So wird es uns weiterhin mit der brasiliansichen Policia Federal ergehen.

Am nächsten Tag sollen wir 2 Stunden vor Abfahrt da sein.

Da wir schon einige Erfahrung mit Schiffen haben, sind wir früher da, wissen aber, dass wir später als angekündigt auslaufen.

Bevor irgendjemand an Bord darf, wird nochmals von der Polizei Ticket und Pass kontrolliert. Von jedem Reisenden.

Danach wird das Gepäck in Reihen aufgestellt und irgendwann kommt die Policia Federal mit Spürhunden.

Bevor die Hunde durchgehen, läuft ein 2 Meter großer glatzköpfiger und brutal durchtrainierter Hüne von einem Polizisten durch das Gepäck-und Passagierchaos und bringt alleine durch seine Erscheinung Ordnung in das Konglomerat aus Mensch und Gepäck.

Alle Leute müssen einen ausreichenden Abstand zu dem Gepäck einhalten.

Danach gehen ebenfalls martialisch aussehende Beamte mit belgischen Schäferhunden durch die Reihen der Koffer, Rucksäcke, Tüten, Bananenstauden, Hühnerkisten und vielen anderen Dingen, die mitgenommen werden sollen.

Das Schiff ist dreistöckig und hunderte von Menschen wollen mitfahren.

Wir befinden uns an einem drogenmäßig neuralgischem Punkt.

Kolumbien, Peru und Brasilien grenzen hier aneinander.

Kokain ist Schmuggelgut Nummer eins.

Viele wollen schnelles Geld machen.

Jetzt wo die FARC in Kolumbien offiziell aus dem Business ausgestiegen sind und sich aufgelöst haben, herrscht in Brasilien ein Krieg um Einfluss- und Verteilungsphären, der mitunter – und immer mehr – blutig/tödlich geführt wird; natürlich, was sonst – erwartet irgendwer was anderes!?!

 

Deswegen schnüffeln die Hunde das Gepäck ab.

Bevor wir das eigentlich Passagierdeck betreten, werden wir nochmals kontrolliert; diesmal nur Ticket und Pass und die unnötige Frage wohin wir reisen. Natürlich dorthin wo das Schiff fährt, nach Manaus.

Während der 4 tägigen Fahrt werden wir öfter kontrolliert.

In unregelmäßigen Abständen kommt die Policia Federal an Bord und kontrolliert die Pässe und stichprobenartig das Gepäck.

Merkwürdigerweise haben sie es dabei immer auf Ausländer abgesehen.

Dabei haben die meisten Brasilianer eher einen Grund sich als Drogenkurier ein „Zubrot“ zu verdienen.

Mit an Bord sind sehr, sehr viele SchülerInnen von unterschiedlichen Schulen in Tabatinga, die nach Manaus reisen, um an verschiedenen Wettbewerben teilzunehmen.

Für die Lehrer heißt das ein paar zusätzliche Tage frei haben und es sich auf dem Schiff gut gehen lassen.

Am Abend fließt der Cachaca und manche Lehrer lassen die Hüften kreisen.

In Europa wohl eher unvorstellbar.

Für uns mittlerweile normal nach eineinhalb Jahren Lateinamerika.

Der Alltag auf den Amazonasschiffen ist klar strukturiert.

Morgens gibts es Frühstück – cafe do manja in portugiesisch.

Schnell soll uns klar werden, dass diese „Mahlzeit“ in Brasilien extrem wichtig ist – auch wenn sie meistens aus trockenem Brot mit Butter besteht und dazu extem gesüßter Kaffee aus „fingerhutgroßen“ Becherchen.

Diese Art von Kaffee gibt es immer und überall über den Tag verteilt.

Selbst Taxifahrer bieten uns irgendwann welchen an….einfach so, zwischendurch.

Nach dem Frühstück wird geduscht.

Brasilianer duschen gefühlte 23 mal am Tag – mindestens!

Dazu wird vor (!) und nach jeder Mahlzeit die Zähne geputzt.

Körperkult – in jedweder Form wird groß geschrieben in Brasilien.

Danach gehts wieder in die Hängematte – die gibts übrigens in Brasilien in jeder möglichen Form, Größe und Farbe wie Sand am Meer zu kaufen.

Man schläft in Hängematten äußerst bequem.

Allerdings wird es auf dem Amazonas durchaus recht kühl, da ein konstanter Wind weht, der teilweise recht heftig blasen kann.

Am besten hat man eine dünne Decke und Jacke dabei.

Zum Mittagessen steht man wieder an, ebenso zum Abendessen.

Gegessen wird auf diesen Schiffen im „Schichtbetrieb“.
25 Leute passen schätzungweise in den kleinen, klimatisierten Raum.

Die anderen warten in Schlange stehend davor.

Trinkwasser gibt es in gefilterter und gekühlter Form überall in Brasilien; auch auf Amazonasschiffen.

Unser Kahn ist dreistöckig und aus Metall.

Es gibt auch hölzerne Schiffe, die allerdings langsamerer sind.

Ein paar Kabinen am Bug des obersten Deckes bieten mehr Privatsphäre; allerdings zu einem Preis zu dem man auch fliegen kann.

Auf dem Oberdeck befindet sich zusätzlich ein kleines Kiosk, wo man Snacks und kalte Getränke kaufen kann.

Während der Fahrt hängt man in seiner Hängematte rum, liest, beobachtet die Landschaft und döst in den Tag hinein.

Das Schiff macht an größeren und kleineren Siedlungen halt. Es fungiert oft als einzige Verbindung zur Außenwelt.

Es fahren allerdings täglich Schiffe.

Kleinere Schiffe verkehren mehrmals täglich auf kürzeren Routen.

Der Amazonas ist sehr bussy.

Überall wohnen Menschen. Überall dringt der Mensch vor und zerstört dadurch Natur.

Wir sind auf diesem Planeten wie ein Krebsgeschwür. Wir wuchern und wuchern immer unaufhaltsamer weiter und zerstören und töten immer mehr.

Überall hinterlassen wir Müll und vergewaltigen die Natur.

Nach ein paar Tagen auf diesem riesigen Strom kommen wir in Manaus an.

Die Stadt im Dschungel.

Der Fluß ist hier so breit wie ein Meer.

Die Stadt so unbeschreiblich groß.
Hier leben über 2 Millionen Menschen.
Es gibt hier riesige Hafen- und Industrieanlagen.

Ständig fliegen Flugzeuge in den Rest des Landes.

Für viele Menschen steht die Stadt für Fortschritt und Bezwingung der Natur.
Andere sehen Zerstörung der Natur und Rückschritt.

Wenn man sich der Stadt vom Fluss aus nähert, ist man definitiv überwältigt.

Der Kautschukboom hat die Stadt groß gemacht. Sinnbildlich hierfür steht das Opernhaus.
Ein Opernhaus mitten im Dschungel! Irre!

Das Gebäude ist nebenbei bemerkt beeindruckend schön!

Die Hafenanlagen sind riesig. Hier werden gigantische Containerschiffe be- und entladen.

Wir kommen bei Sonnenuntergang an.
Der Hafen ist komplett tot. Unheimlich wenig ist los.
Wir finden endlich ein Taxi und fahren in eine nahe Unterkunft.

Dort haben wir ein sauberes, sicheres Zimmer mit Frühstück und können unsere Wäsche waschen und trocknen.

Das Viertel ist sehr komisch und Nachts defintiv problematisch!

Nach Sonnenuntergang ist man besser nicht mehr unterwegs. Das gilt für ganz Brasilien, ja fast ganz Lateinamerika.

In der Eckkneipe/Kiosk direkt außerhalb unserer Unterkunft trifft man die merkwürdigsten Gestalten.

Der Wirt/Besitzer hat alles fest im Griff.

Wir schauen uns am nächsten Tag die Stadt an. Es gibt für Touristen nicht allzu viel zu sehen, dafür umso mehr „Alltag“ zu beobachten.

 

Während wir rumlaufen werden wir Zeugen mehrerer Diebstähle und Raube.

In Brasilien ist die Ungleichheit zwischen arm und reich extrem groß.

Viele Menschen werden in die Kriminalität getrieben, während kriminielle Politiker und andere Berufsverbrecher sich ekelhaft und straffrei bereichern.

Die Markthallen, das Openhaus und andere Gebäude sind Zeugen vergangenen Glanzes der Stadt.
Sic transit gloria mundi – so vergeht der Ruhm der Welt; wie es bei Asterix heißen würde.

Nach ein paar Tagen besteigen wir das nächste Schiff.
Wir lernen und warten erst einmal.
Nicht jeder Verkäufer bietet den gleichen Preis. Wir vergleichen die Schiffe.

Schließlich merken wir: alle gleich!

Wir schiffen uns ein mit Ziel Santarem.
Die Stadt liegt auf halbem Weg zwischen Manaus und Macapa.

Dort wollen wir nach Alter do Chao – der „Karibik des Amazonas“ wie es übertriebenerweise genannt wird.

Es handelt sich um einen schönen Sandstrand an einem „Seitenarm“ des Amazonas in einer Lagune.

Vorher allerdings verlassen wir erst einmal Manaus.

Am Zusammenfluss von Amazonas und Rio Negro treffen sich dunkles (schwarz-grünes) und braunes Wasser. Das Farbspiel ist verblüffend.

Unser „neues“ Schiff ist genauso „ok“ wie das vorherige. Nur die Schüler „fehlen“, dafür sind genug andere „Charaktere“ an Bord.
Der Alltag an Bord bleibt immer gleich.

Man döst in den Tag hinein und lässt die Welt an sich vorbei ziehen.
Zeit und Raum haben in diesem Teil der Welt keine Bedeutung mehr.

 

Wir erreichen nach weiteren 3 Tagen Santarem ohne größere Zwischenfälle.

Ab Manaus gab es keine Polizeikontrollen mehr. Also für alle Schmuggler: Seid ihr erst einmal in Manaus, ist alles gut!

Santarem befindet sich auf halbem Weg zwischen Manaus und der Amazonasmündung.

Die Stadt ist klein, überschaubar, recht langweilig.

„Alter do Chao“ ist ein Ziel für In- und Ausländische Touristen. Viele Brasilianer machen in ihrem Land Urlaub.
Sobald sie ins Ausland gehen, haben sie Probleme sich zu verständigen. Überall sonst in Südamerika spricht man Spanisch.
Überraschenderweise sprechen wenig Brasilianer englisch, oder zumindest ungern und gehemmt.
Wenn man kein portugiesisch spricht, ist Spanisch definitiv hilfreicher als Englisch. Zumindest gilt das für die entlegeneren nördlichen Gebiete.
An der Küste und den goßen Städten sprechen auch einige Leute Englisch, wie wir später feststellen werden.

In „Alter do Chao“ hängt man am Strand ab, trinkt, isst und lässt es sich gutgehen.

Manch kleiner Schifffahrtskapitän mit einem hölzernen Boot, das wie bei „Steamboat Willie“ ausschaut, bietet sein Boot für ein Wochenende zu Verfügung. Ganze Großfamilien, Clans und Dorfgemeinschaften buchen so ein Boot, dümpeln am Ufer rum, schlafen in Hängematten und grillen das ganze Wochenende.

Länger als einen halben Tag hält man es dort nicht aus.

Nach einer weiteren Nacht in Santarem finden wir uns wieder auf einem Boot Richtung Macapa, einer Stadt direkt auf dem Äquator und fast an der Amazonasmündung.

Der Hafen ist leider 30 Kilometer außerhalb der Stadt, sodass wir Nachts bei Ankunft ein Taxi nehmen müssen.

Die Stadt ist völlig unspektakulär und wirkt runtergekommen.

Die Aufbruchstimmung durch Fußballweltmeisterschaft und Olympische Spiele ist der Realität gewischen.
Die ehemalige portugiesische Festung am Fluss ist von hohem Gras überwuchert.
Ein Pier (mit Touristenzug) verrottet vor sich hin. Die leeren Räume der Touristeninformationen werden von einem Wachmann vor Vandalismus bewacht.

Wir sind nur hier, um einen Bus in den Norden zu nehmen. Wir wollen vorerst Brasilien verlassen und nach Europa….ja, genau: Von Südamerika nach Europa auf der Straße, genauer gesagt über eine Brücke.
Ein kurzer Blick auf die Weltkarte kann hier Klarheit schaffen.

Wir besteigen am Abend einen Bus und fahren über Nacht mehrere hundert Kilometer nördlich Richtung brasilianischer Grenze.
Die Straße ist mittlerweile größtenteils geteert, aber einige Abschnitte sind immer noch Piste. Besonders zur Regenzeit teilweise unpassierbar und/oder nur mit viel Zeit und Mühe zu befahren.