„The Guyanas“ – Abenteuer am nördlichen Rand von Südamerika; oder von Weltraumbahnhöfen, französischer Küche, Gefängnisinseln, holländisch sprechenden Indern und Chinesen, auf den Spuren „Papillons“, einem der höchsten Wasserfälle und Dschungel, Dschungel, Dschungel

„The Guyanas“ – Abenteuer am nördlichen Rand von Südamerika; oder von Weltraumbahnhöfen, französischer Küche, Gefängnisinseln, holländisch sprechenden Indern und Chinesen, auf den Spuren „Papillons“, einem der höchsten Wasserfälle und Dschungel, Dschungel, Dschungel

Wir kommen am frühen Morgen in Oiapoque an, einer Stadt im äußersten Norden von Brasilien, die nach dem gleichnamigen Fluss benannt ist, der die Grenze zur europäischen Union markiert.

Auf der anderen Seite befindet sich französisch Guyana, ein Überseedepartement und vollintegrierter Teil des französischen Staates und damit auch Teil der Europäischen Union und der NATO.

Seit einigen Jahren gibt es eine imposante Brücke über den Fluss – die einzige Straßenverbindung der EU nach Südamerika.

Wegen versicherungstechnischer Fragen wurde die Brücke allerdings erst Anfang 2017 für den Autoverkehr freigegeben.

Wir müssen vom Busbahnhof zur Policia Federal laufen, um uns auszustempeln. Danach nehmen wir ein Boot über den Fluss und in die nächste französische Gemeinde, mit Straßenanbindung nach Cayenne, der Hauptstadt von Französisch-Guyana.

Die Brücke ist für uns uninteressant. Wir fahren auf dem Fluss unten drunter durch.

Für den Handel zwischen der EU und Brasilien ist die Straßenverbindung wichtig. Ebenso für den europäischen Weltraumbahnhof in Kourou. Da Französisch Guyana nicht über einen passenden Tiefseehafen verfügt, können die Raketenteile jetzt über Macapa geliefert werden.

Auf der anderen Seite sind wir mitten in Frankreich. In den Bäckereien gibt es Baguette und Croissant und auch sonst sieht es wieder einmal nach Frankreich aus. Schon das zweite mal in all den Jahren, dass wir „europäischen“ Boden in französischen Grenzen außerhalb Europas betreten. Das erste mal war vor ein paar Jahren in Französisch Polynesien.

Wir sagen unserem Minibusfahrer, dass er bitte bei der Polizei halten soll – da wir hören, dass Französisch Guyana zwar Teil der EU ist, aber angeblich nicht zum Schengenraum gehört – um unseren Pass stempeln zu lassen.

Der freundliche Beamte erklärt uns allerdings (auf englisch! ein franzöischer Polizist, der freiwillig englisch spricht! unerhört! ), dass wir mit einem EU-Pass einfach so kommen und gehen können ohne Stempel, usw.

Wir sind auf dem Weg in die Hauptstadt des Landes.

Cayenne – der gleiche Name wie der Pfeffer (jetzt sind wir da wo der Pfeffer wächst!) – ist recht überschaubar.

Wir haben uns Privat eingemietet. Es gibt nur sonst Hotels und die kosten richtig was – in harter Euro-Währung.

Unser Zimmer ist etwas außerhalb. Mit dem öffentlichen Verkehr (außerhalb der Hauptstadt gibts das kaum!) kommen wir bis fast vor die Haustür.

Die Stadt hat auch sowas wie ein „historisches Zentrum“.

Der größte Arbeitgeber scheint der französische Staat und die EU zu sein, sowie einige halbstaatliche Organisationen und Institute.

Der Gegensatz zwischen arm und „reich“ ist groß.
An den Supermarktkassen zahlen viele Leute mit staatlichen Essensmarken.

Das Warenangebot ist top, wie in Frankreich.
Gute subventionierte Produkte aus Frankreich zu günstigen Preisen.
Hier gibt Camembert, Rotwein, Sekt und viele andere Leckereien zu günstigen Preisen. Im Rest von Lateinamerika entweder nicht zu bekommen (nicht in dem Maße) oder nicht zu bezahlen.

Eigentlich sind wir hauptsächlich nach Cayenne gekommen,um das Konsulat von Surinam aufzusuchen.
Dem nächsten Land auf unserer Reise.
Dafür muss man sich eine sogenannte „Touristcard“ besorgen. Sprich: Geld bezahlen, um einreisen zu dürfen.
An sich kein großer Akt.
Das erste mal überhaupt müssen wir eine Gelbfieberimpfung nachweisen. Bisher in Südamerika hat das niemanden gejuckt.
Natürlich haben wir das Dokument parat.

Von Cayenne aus fahren wir mit einem Minibus nach Kourou.
Die Stadt ist für uns das Ticket ins All. Von hier aus fliegen wir zum Mars. Die Reise dauert sechs Monate.
So ähnlich könnte es in einige Jahren zu lesen sein. Leider kann man das noch nicht machen. In einigen Jahren wird es Flüge zum Mars geben, der dann auch besiedelt wird.
Die Erde wird auf Grund der steigenden Temperaturen in weiten Teilen nicht mehr bewohnbar sein.
Der Mensch muss sich ein neues Habitat suchen, nachdem er aus Gier, Ignoranz und Dummheit sein jetziges fast zerstört hat.

Wir sind allerdings wirklich hier, um einen Raketenstart mitzuerleben. Der europäische Weltraumbahnhof der ESA befindet sich in Kourou. Ebenso wie eine Garnison der berühmt-berüchtigten Legion etrangere – der französischen Fremdenlegion, die das Gelände bewacht und deren Soldaten im Dschungel ausgebildet werden.

Das erklärt auch warum man viele muskelbepackte Männer mit kurzgeschorenen Haaren in den Straßen und am Strand joggen sieht.

Am Wochenende machen wir einen Ausflug zu den drei ehemaligen Gefängnisinseln, die Teil der französischen Strafkolonie Guyana waren.
Auf der „Teufelinsel“ war der Offizier Alfred Dreyfuß inhaftiert, der Namensgeber der „Affäre“, die die franzöische III.Republik erschüttert hat.

Ein anderer berühmter Sträfling war Henri Charriere, dessen Lebensgeschichte in dem Roman Papillon (und dem gleichnamigen Film) erzählt wird.

Die Gefängnisinseln sind etwa 13 Kilometer vor der Küste gelegen.
Die Inseln sind eigentlich sehr idyllisch.
Die Ruinen der Gefängnisgebäude zeigen immer noch wie brutal der Alltag war.
Vor allem auf der Insel St.Joseph sieht man immer noch die Zellen wo Gefangene untergebracht waren, für die Isolationshaft angeordnet wurde.
Die Zellen waren nach oben offen und erinnern eher an zu kleine Tierkäfige.

Nachdem wir einen schönen Tag auf den Inseln verbracht und einem Raketenstart beigewohnt haben, geht es Richtung Grenze zu Surinam, dem ehemaligen „Niederländisch Guyana“, wo auch heute noch alle Leute niederländisch sprechen.

Hier gibt es keine Brücke.
Der Grenzfluß wird auf einem kleinen Boot zurückgelegt.
Die Einreise ist recht schnell und problemlos.
Die nervigen Minibusfahrer ignorieren wir.
Die wollen viel zu viel.

Wir wechseln ein wenig Geld in Suriname Dollar und laufen Richtung Busbahnhof. Man kann mit dem öffentlichen Transport in die Hauptstadt Paramaribo fahren.
Wir treffen allerdings jemanden, der schon zwei Passagier in seinem PKW sitzen hat und uns mitnimmt.

Auf die Frage was er dafür haben will, fragt er wieviel wir bezahlen wollen.
Den Preis den wir nennen ist ein Bruchteil von den überhöhten Vorstellungen der Minibusfahrer, aber scheinbar ausreichend für unseren Fahrer.
Die Fahrt im klimatisierten Auto ist entspannt und angenehm. Wir werden in Paramaribo bis vor unsere Unterkunft gefahren, die ein wenig außerhalb liegt.

Der Weg dorthin führt über eine große Brücke über den Suriname-Fluss – unter der selbst Tanker und Containerschiffe durchfahren können – und durch die Stadt, mit all ihren historischen Gebäuden und vorbei am Präsidentenpalast.

Das kleine Land ist ein kultureller und ethnischer Schmelztigel.
Der Handel ist fest in „chinesischer“ Hand. Transport und Baugewerbe wird von „Indern“ dominiert.

Alle sprechen „holländisch“ und sind Bürger Surinams und Nachkommen von „Sklaven“ und billigen Arbeitskräften die mit Versprechen ins Land gelockt wurden.
Ebenso leben hier einige europäisch-stämmige Menschen, „Eingeborene Indianer“ und Schwarze aus der Karibik.

Zu essen gibt es viel indische Currys – für uns ein Traum.

In der Innenstadt steht eine große Moschee neben einer großen Synagoge.
Ebenso gibt es etliche Kirchen, Hindutempel und ein Gebetshaus der Baha’i.
„Multikulti“ ist hier gelebte Realität.

Wir unternehmen einen Fahrradausflug in die ehemaligen Plantagen und besichtigen ein ehemaliges Fort, das im Zweiten Weltkrieg Internierungslager für deutsche Soldaten war.

Im Suriname-Fluss liegt immer noch das Wrack der Goslar, einem deutschen Frachtschiff, dass 1940 von der Mannschaft versenkt wurde.
Selbige war dann in dem Fort interniert.

Es ist schwül-heiß.
Irgendwann entlädt sich ein tropisches Gewitter.

Danach ist die Luft sauber und es macht Spaß durch den Sprühregen über die große Straße in die Stadt zurück zu fahren.

Wir ziehen weiter nach Guyana.

Wieder geht es über einen Fluss, der die Grenze markiert. Diesmal mit dem Autofähre.

Die Einreise ist chaotisch und es bilden sich lange Warteschlangen.

Den Grenzern sieht man an, dass sie korrupt sind und die eigene Bevölkerung beklauen.
Ausländer werden schnell abgefertigt.
Die Einheimischen haben teilweise zwei Nationalitäten und Pässe.
Es wird geschmuggelt. Auch Devisen werden schwarz eingeführt.
Alles geht drunter und drüber.
Wir kommen zwar schnell und problemlos durch, aber außerhalb müssen wir warten, bis der Minibus voll ist.

Guyana – eine ehemalige britische Kolonie – ist das einzige englischsprachige Land in Südamerika.
Allerdings ist das „Kreolenenglisch“ das dort gesprochen wird, sehr gewöhnungsbedürftig.

Dieses „karibische“ Englisch haben wir auch schon an der Karibikküste von Nicaragua und Honduras gehört und es muss auch das gleiche Englisch sein, dass man in Jamaika spricht.

Guyana ist der chaotischste und korrupteste aller drei „Guyanas“ und ein Land, das einem „failed state“ am nächsten kommt.

Die Entwicklung ist wie bei vielen anderen Staaten in Lateinamerika auch deshalb schief gelaufen, weil die USA mal wieder Angst vor dem Kommunismus hatten und die CIA einen Putsch inszeniert hat.

Seit damals bereichern sich Berufsverbrecher daran das Land auszunehmen.

Gold und Diamanten sind die Hauptexportgüter des Landes. Große Erdöl und Gasvorkommen vor der Küste lassen die Dollarzeichen in den Augen vieler Politiker aufblitzen.

Gleichzeitig liegt die Hauptstadt Georgetown aber einige Meter unterhalb des Meeresspiegels, ebenso wie der Rest des fruchtbaren Landes.

Die Deiche – noch aus Kolonialzeit stammend und damals sogar noch von Holland entwickelt und gebaut (bevor die Briten kamen, gehörte es kurzzeitig zu Holland) – sind schon etwas älter und vor ein paar Jahren bei einem Hurrikan standen weite Teile des Landes und der Hauptstadt unter Wasser.

Der Klimawandel wird sein übriges dazu beitragen, dass Guyana keine Zukunft hat.

Die Tatsache, dass die Machtelite sich an den Bodenschätzen – ausgerechnet Erdöl und Gas – bereichert, wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte und könnte als Parabel dienen.

Die Gier ist so groß, dass man sich buchstäblich den eigenen Untergang herbeischafft.

Der größte Teil des Landes ist Dschungel.

Damit das so bleibt zahlt das Königreich Norwegen viel Geld.

Norwegen – selbst durch Erdöl zu einem reichen Land geworden – erleichtert sich sein Gewissen dadurch, dass es seine moralische Schuld an der Zerstörung des Planet dadurch wieder gutzumachen versucht, indem es Guyana viel Geld (hunderte Millionen Euro) bezahlt, dass die im Gegenzug nichts tun, oder vielmehr den Urwald schützen.

Das klappt einigermaßen.

Wenn man allerdings über das Land fliegt – was wir getan haben – sieht man überall Minen (legale und illegale) deren giftige Abwässer die Gewässer vergiften und die über Pisten erreichbar sind, die in den Wald geschlagen wurden.

Den Flug haben wir unternommen, um den Kaieteur-Wasserfall zu sehen. Einen der höchsten „Single-Drop-Wasserfälle“ des Planeten.

Der Hinflug war durch dicke Wolken und vereinzelte Schauer. Die kleine Maschine ist wie ein betrunkener Paradiesvogel durch den Himmel geschlittert.

Flüge in kleinen Maschinen und potenzielle Abstürze machen mir nichts aus, da man ja schließlich sieht wohin man fallen würde.

Ich verstehs selbst nicht, ist aber so.

Wir sind allerdings gut hingekommen, der Pilot – ein echter Buschpilot – hat einen erstklassigen Flug hingelegt inklusive Starts und Landungen und schöne Kurven geflogen, damit wir den Wasserfall voll und ganz genießen können.

Wir hatten dann einige Stunden Aufenthalt und konnten den Wasserfall und den Dschungel in vollen Zügen genießen.

Der Rückflug war absturzangst-frei und bei blauem Himmel fast schon langweilig.

Aus der Luft konnten wir Georgetown sehr gut sehen.

Ansonsten ist die Stadt recht runtergekommen. Man hat öfters das Gefühl in einer Bürgerkriegsstadt zu sein. Am Wochenende ist die Innenstadt so leer wie in einem Zombie-Apokalypsen-Film und auch ebensolche Gestalten hängen dort ab.

Es ist ratsam eine Machete oder einen Revolver mit sich zu führen. Das Land und vor allem die Stadt – ist Wilder Westen. Nach beginnender Dämmerung sollte man ebenso nicht nach draußen gehen.

Wenn man die Lokalzeitungen durchblättert, steht Raub und Mord auf der ersten Seite.

Ebenso sind nach etlichen Wochen immer noch zahlreiche ehemalige Häftlinge auf freiem Fuß, die bei einem Massengefängnisausbruch – bei dem auch reingeschmuggelte Granaten zum Einsatz kamen!!! – ihre Freiheit erlangt haben.

Das war übrigens nicht das erste mal.

Er gibt auch noch einige geheime Waffenverstecke von einem fast-Bürgerkrieg vor ein paar Jahren.

Das Land steht ständig auf der Kippe zum Chaos.
Gut, wenn man das nicht miterleben muss.
Ansonsten ist es recht schön hier. Es gibt allerdings wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Ende der 1970er Jahre kam Guyana in die Schlagzeilen, weil die „Peoples Temple“ um den Prediger Jim Jones im sogenannten „Jonestown-Massaker“ Massensuizid begangen hatten.

Wir waren nur kurz in der Stadt – zu lange – und haben uns dann über Land auf den „Rückweg“ nach Brasilien gemacht.

Die Straße führt durch den Dschungel auf einer Piste.

Auf Grund des Wetters war die Fahrtzeit auf 16 Stunden festgesetzt.

Weil unser Minibus im Dschungel eine Panne hatte und wir auf ein Ersatzteil aus Georgetown warten mussten, waren wir im Endeffekt fast 48 Stunden unterwegs, bis wir endlich Lethem – die Grenzstadt zu Brasilien – erricht hatten.

Dort konnten wir dann endlich den roten Staub abduschen und in einer Hängematte schlafen; eine Wohltat nach 2 Tagen Minibus und Dschungel.

Unsere Mitreisenden war eine Gruppe Brasilianer, die illegalerweise in Guyana gearbeitet hat und auf dem Rückweg nach Mato Grosso war – einem brasilianischen Bundesstaat mit zu vielen Arbeitslosen und zu wenig Hoffnung.

Von Lethem sind wir über die Grenze gelaufen und waren froh wieder in Brasilien zu sein.

Die beiden Beamte der Policia Federal waren die freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen, die wir jemals an einer Grenze getroffen haben. So ist es uns nach Guyana zumindest erschienen, dort sind alle ein wenig rau im Umgang miteinander.

Diesmal sollten wir uns aber nur kurz in Brasilien aufhalten, da wir nur auf dem Weg nach Venezuela waren.

Wir haben unser großes Gepäck in Boa Vista zurückgelassen und haben uns auf den Weg „ins gefährlichste Land Südamerikas“ gemacht (wenn man der europäischen Presse Glauben schenken möchte).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.