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Venezuela – Roraima und „Lost World“-Feeling; oder von Plastiktüten voller Geld und anderen Kuriositäten in einem krisengeschüttelten Land

Venezuela – Roraima und „Lost World“-Feeling; oder von Plastiktüten voller Geld und anderen Kuriositäten in einem krisengeschüttelten Land

Nachdem wir „die Guyanas“ gut überstanden hatten, sind wir von der brasilianischen „Grenzstadt“ – „Grenzdorf“ ist treffender; obwohl die überdimensionierte Straßenführung zum einfachen Wechsel von Links- und Rechtsverkehr auf eine größere urbane Siedlung schließen lässt – Bonfim nach Boa Vista gefahren.

Boa Vista ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Roraima und liegt mitten im Nirgendwo 220 Kilometer von der Grenze zu Venezuela entfernt und knapp 800 Kilometer nördlich von Manaus.

Die Stadt ist zwar politisch und administrativ wichtig, aber hat sonst wenig zu bieten.

Umgeben ist die Stadt von Farmland und Dschungel, der leider zu weiterem Farmland umgewandelt wird, um Rinder zu halten.

Wir haben ein gutes Hostel gefunden, wo wir unser Gepäck und unsere Kleidung von dem roten Staub der Guyana-Dschungel-Straße befreit haben.

Unser großes Gepäck haben wir dort gelassen und sind nur mit zwei kleinen Rucksäcken Richtung Venezuela gefahren.

Die Fahrt war recht schnell und bequem in einem „taxi colectivo“ zurückgelegt.

Die beiden anderen Insassen waren zwei Frauen aus Venezuela, die in Boa Vista eingekauft hatten.

Nachdem wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen haben, wurde schnell klar, dass die brasilianischen Sicherheitskräfte bezüglich der Situation in Venezuela recht angespannt sind.

Jedenfalls haben die beiden Schützenpanzer mit ihrer „Kanone“ Richtung Nachbarland gezeigt.

Je näher wir der Grenze gekommen sind, desto größer wurde die Zahl der Sicherheitskräfte, die in Motorradpatrouillen unterwegs waren.

Die brasilianische Seite der Grenze ist mit einem Wort beschrieben: chaotisch!

Ein Beamter macht Dienst nach Vorschrift.

Man lässt die Grenze zwar offen, aber man versucht so wenig wie möglich Leute pro Tag abzufertigen.

Ein Sicherheitsmann einer privaten Wachfirma verteilt Nummern, die auf Zettelchen geschrieben sind und der Reihenfolge nach abgearbeitet werden.

Irgendwann hilft uns unsere Kontakfrau aus Venezuela, uns vorzudrängeln. Wir wollen ja schließlich Brasilien verlassen und nicht einreisen, zumindest diesmal nicht.

Auf der anderen Seite der Grenze geht alles ganz schnell.

Die „Migracion“ befindet sich in zwei Containerbüros.

Da gerade Stromausfall war, haben die Computer nicht funktioniert und unsere Daten mit Stift auf einem Block notiert.

An den Stellwänden waren handschriftliche Vermerke zu lesen über Personen denen die Ausreise zu verweigern ist – aus welchem Grund auch immer – oder die Daten von Personen, die mit gefälschten oder manipulierten Pässen versucht haben auszureisen.

Die Listen waren recht lang.

Es herrscht ein kontinuierlicher Strom von Menschen, die die „Linea“ (so der Ausdruck in Venezuela für die Grenze zu Brasilien) erreichen und hinter sich lassen wollen.

Aber was wollen die Menschen in Brasilien.
Ein Land dessen Sprache die meisten nicht beherrschen.
Ein Land das selbst Millionen von Arbeitslosen hat.

Und: Selbst wer Geld hat weiterzureisen ins spanischsprachige Ausland auf dem Kontinent, in den dortigen Ländern ist die wirtschaftliche Lage ebenfalls sehr bescheiden.

Nachdem wir eingestempelt sind, wechseln wir direkt an der Straße – auf dem Schwarzmarkt – Geld.

Ausländische Währung wird mit Handkuss genommen. Für unsere brasilianischen Reais erhalten wir drei extrem dicke Bündel druckfrischer 1000 Bolivar Scheine. Das zählen dauert extrem lange.

Wir können uns glücklich schätzen, dass wir die 1000er Noten erhalten haben.
Oft gibt es nur 100er Banknotenbündel.

In den Geschäften dauert das Geld zählen oft lange.
Man geht mit Plastiktüten voller Bargeld einkaufen.
Die absurdeste Szene war ein Mann, der Plastiktüten voller Bargeld getragen hat, die so schwer waren, dass er sie kaum heben konnte.

In Zeiten der Inflation wird einem bewusst wie vollkommen dumm und sinnlos es ist Geld hinterher zu laufen und wie idiotisch das Geldsystem an sich ist.
Ein auf Papier gedrucktes Vertrauensverhältnis dem niemand mehr vertraut, dass aber alle haben wollen, weil sie sich „mit“ sicher und „ohne“ unsicher fühlen.

Kranke Welt!

Die Geschäfte und Supermärkte – zumindest im Süden des Landes – sind voller Waren!
Über die Grenze zu Brasilien kommen alle benötigten Lebensmittel ins Land.
Die Sicherheitslage ist vollkommen normal und ruhig.

Wir haben etliche Reisende getroffen, die durch Venezuela gereist sind und keinerlei Probleme hatten – nicht mehr oder weniger als im Rest von Südamerika.
Große Städte sind immer ein „kritischer Faktor“ was die Sicherheitslage angeht.

Die Hauptstadt Caracas ist eine Ausnahme.

Aber das erklärt sich von selbst:
Wer einen Putsch inszeniert oder andersweitig die Regierung stürzen will, versucht das in der Hauptstadt und nicht in der Provinz.

Mit einem Satz: Die in der – speziell westlichen – Presse dargestellte Lage in Venezuela ist einseitig und unausgewogen beschrieben.
Ob dies bewusst geschieht, weil man die Sozialisten um Maduro nicht mag, oder unbewusst, weil man den Nachrichtenagenturen glauben schenkt, anstatt selbst einen Reporter durchs Land reisen zu lassen, sei dahin gestellt.

Auf Grund des – für uns – guten Wechselkurses hat uns eine Nacht in einer Pension nur 2 Euro gekostet, mit heißer Dusche, Wifi (sehr schnelles Internet!) und Fernseher.

Die Preise für Essen und Getränke sind ähnlich niedrig.

Es wird in Venezuela nicht zu einem Militärputsch kommen.
Das Militär ist ein sich bereicherndes „Wirtschaftsunternehmen“ das fest in die ökonomischen und politischen Strukturen eingebettet ist.

Im Süden des Landes machen die Generäle Millionen mit Bodenschätzen und anderem Raubbau.
Die dicken, großen Geländewagen und Immobilien zeigen, dass es große Gewinner gibt, die die instabile Situation im Land für sich auszunutzen wissen.

Wir haben eine Trekking-Tour auf den Tafelberg/Inselberg („Tepui“) „Roraima“ geplant.

Ein großer Teil des Südens von Venezuela wird halbautonom verwaltet.

Die dort ansässigen Ethnien kontrollieren die zu Nationalparks erklärten Gebiete.

Man kann die Tafelberge nur mit Genehmigungen und Guide besteigen.
Am nächsten Tag geht es los.

Wir fahren durch die Gran Sabana. Hier gibt es über 115 Tepuis.
Der Ausdruck „Tepui“ stammt aus der Pemon-Sprache und bedeutet so viel wie „Haus/Sitz der Götter“.

Die Tepuis sind durch Erosion entstanden. Vor 2 Milliarden Jahren hat sich ein gigantisches Sandsteinmassiv durch die Landschaft gezogen, zwischen dem heutigen Amazonas-Tiefland und dem Orinoco und der Atlantikküste und dem Rio-Negro.

Der Roraima-Tepui ist 2810 Meter hoch und 15 Kilometer lang.

Die Hochfläche (der Gran Sabana), mit ihren weiten und flachen Tälern wird von teilweise 1000 Metern hohen Bergen umschlossen.

Die geologischen Formationen zählen zu den ältesten auf diesem Planeten und waren früher Teil des Urkontinentes Gondwana.

Der erste „Jurassic Park“ Film wurde hier teilweise gedreht.

Irgendwann verlassen wir die gut asphaltierte Straße die weiter nach Norden führen würde und fahren über recht gute und dann recht schlechte Schotterwege den Tafelbergen entgegen.
Irgendwann erreichen wir eine „Indianer-Siedlung“.
Die Häuser sind teilweise aus Lehm und Stroh und teilweise recht gut.
Elektrizität ist vorhanden.
Es gibt sogar einen „Toilettenblock“ mit Dusche, wenn man von der Wanderung zurück kommt.

Wir stärken uns noch einmal, während „das Gepäck“ (hauptsächlich unsere Verpflegung und Zelte) gewogen wird und auf die Träger verteilt wird.
Jeder Träger darf maximal 7 Kilo tragen.
Die „Porter“ verteilen die Waren auf ihre geflochtenen Tragekörbe.
Wir tragen unser Gepäck selbst, inclusive Schlafmatte- und sack.

Guide und Träger sind Indigene.
Unsere „Indianerin“ ist ursprünglich aus Guyana, spricht verschiedene lokale Sprachen und natürlich spanisch und englisch.

Die Indigenen aus dem Grenzgebiet brauchen sich nicht an die Grenzen zu halten und brauchen auch keine Pässe – bzw. können problemlos und passfrei zwischen Guyana, Venezuela und Brasilien pendeln und leben.

Wir laufen auf die Tafelberge zu.
Es geht auf- und ab.
Am Horizont ziehen sich große, schwarze Gewitterwolken zusammen.
Nach einiger Zeit fängt es an zu regnen.
Erst ein wenig, dann immer heftiger.
Wir ziehen unsere Ponchos über und laufen weiter.
Nirgendwo können wir jetzt Unterschutz finden.
Nach einiger Zeit hört es auf zu schütten.

Die Sonne bricht mit ganzer Kraft hervor und wir trocknen wieder.
Nach einigen Stunden erreichen wir unser Nachtlager.
Die Zelte werden aufgebaut und man kocht uns.
Das Essen, dass wir die nächsten Tage serviert bekommen ist abwechslungsreich und gut. Die „Köche“ (unser Guide und die Träger) sind wahre Meister auf dem benzinbetriebenen Campingkocher.
Unglaublich was die uns hinzaubern. Das bekommt manch einer nicht in seiner Einbauküche hin.

Die Dunkelheit bricht recht schnell und unvermittelt ein.

Nach dem Essen waschen wir uns im Fluss.
Im hohen Gras muss man vor Schlangen aufpassen.
Es gibt hier einige Arten und viele haben tödliches Gift.

Nach einer dunklen, ruhigen Nacht unter einem klaren Sternenhimmel brechen wir am nächsten Morgen früh auf.

Zuerst geht es durch einen relativ kleinen Fluss und dann wieder auf und ab über das hügelige Land.
Wir nähern uns immer mehr den Tafelbergen.
Die Landschaft in unmittelbarer Nähe zu den Bergen sieht aus wie eine unordentliche, wellige Tischdecke.

Nach einiger Zeit kommen wir an einen zweiten Fluss.
Hier ist die Überquerung schon ein wenig schwieriger.
Langsam aber stetig rutschen wir, mit den Socken an den Füßen, über die großen Steine und Felsen im Fluss.
An einigen Stellen müssen wir uns gegenseitig stützen um nicht den Halt zu verlieren.
Irgendwann ist auch diese Flussdurchquerung geschafft.

Jetzt waschen wir uns und unsere Kleider im fließenden Nass…..und an allen Körperteilen, die nicht unter Wasser sind, werden wir in sekundenschnelle von kleinen Mücken gestochen, die die Einheimischen „Puri-Puri“ nennen und die in der Nähe von Gewässern heimisch sind.

Die Stiche/Bisse bleiben einige Tage sichtbar und jucken übelst.

Wir wandern weiter.
Es wird steiler und steiler.
Am Abend erreichen wir das Basislager am Fuß des Tafelberges.

Nachdem unser Zelt aufgebaut ist, fängt es an zu regnen.
Wir legen uns hin und warten bis es aufhört.
Dann gibt es was zu essen.

Gegen Nachmittag/Abend fängt es regelmäßig an zu regnen.

Die feuchte Luft steigt durch die Sonnenerwärmung auf und bildet Wolken, die sich an den Bergen sammeln und dann in der umliegenden Gegend abregnen.

Am nächsten Morgen geht es über „Die Rampe“ auf den Roraima.

Zuerst müssen wir einen steilen Anstieg durch den Dschungel hinter uns bringen.
Der Weg führt durch trockene Wasserläufe und über Felsen.
Super anstrengend!
Man schwitzt und der Weg scheint kein Ende zu nehmen.
Irgendwann stehen wir an der Steilwand des Berges, die hunderte Meter senkrecht nach oben reicht.
Wir müssen durch Wasserfälle laufen und über Felsbrocken klettern.
Irgendwann sind wir – ganz plötzlich – oben angelangt.

Flora und Fauna sehen aus wie aus einer anderen Welt.
Hier oben haben sich Tiere und Pflanzen entwickelt, die nur auf diesen wenigen Quadratkilometern endemisch sind.

Wir haben einen weiten Blick über das Land.

Unser Zelt wird im „Hotel“ (ein großes, zerklüftetes Felsmassiv) unter einem Felsvorsprung aufgebaut.
Unter einem weiteren „Felsendach“ steht die Küche und die Zelte unserer Begleiter und abseits ebenfalls unter Fels unser „Toilettenzelt“.

Die Fäkalien werden in Plastiktüten mitgetragen und am Ende fachgerecht entsorgt, damit das fragile Ökosystem geschützt wird.

Am Anfang ist es recht merkwürdig sein „Geschäft“ in eine Platiktüte zu verrichten.
Zur Geruchsverminderung befindet sich Löschkalk in den Tüten.

Gleich am ersten Nachmittag auf dem Tafelberg unternehmen wir Ausflüge mit unserem Guide.

Die Aussicht ist atemberaubend.

Von hier oben sehen wir den Dschungel in Guyana. „Grüne Hölle“ soweit das Auge reicht.
Hier bilden sich auch die täglichen Haufenwolken, die sich dann abregnen.

Auf dem Roraima befindet sich auch ein „Dreiländereck“. Ein kleiner Teil gehört zu Guyana und ein noch kleinerer zu Brasilien. 95% allerdings befinden sich auf Venezuelas Seite. Von hier aus ist auch die einzige Möglichkeit das Massiv zu besteigen.

Nach ein paar Stunden Schlaf stehen wir lange vor Sonnenaufgang auf, um selbigen über dem Dschungel zu sehen.

Die Aussicht an den Steilwänden ist unglaublich schön.
Wir können uns gar nicht richtig sattsehen.

Nachdem wir genug Wasserfälle bestaunt haben, die sich entlang den Steilwänden in den darunter liegenden, unberührten Dschungel stürzen, machen wir uns auf, um weiter Naturwunder zu sehen.

Wir wandern zum sogenannten Canyon, wo wir in Abgründe schauen, die so tief sind, dass wir kein Boden sehen.

Auf dem Weg dorthin kommen wir an natürlichen Pools und Wasserläufen vorbei, wo wir uns nochmals reinigen.

Auf dem sogenannten „Beach“ – eine sandige, flache Ebene – liegt alles voller Kristalle, die im Sonnenlicht reflektieren.

Auf den dicken Mooskissen krabbeln winzige, schwarze Frösche, die nicht springen können.

Wir wandern, klettern, springen stundenlang auf dem Tafelberg herum.

Es gibt so viel zu sehen und würde noch mehr geben wenn wir noch mehr Zeit hätten.

Ohne Guide ist man verloren und absolut hilflos.
Vor allem wenn Nebel oder starke Bewölkung verliert man schnell die Orientierung.

Außer uns sind zahlreiche Gruppen unterwegs.
Viele wollen eine Woche oder sogar 10 Tage auf dem Tepui bleiben.

Auch in schwierigen Zeiten ziehen hunderte(?) Venezolaner auf den Inselberg, ausgestattet mit Nationalflagge, um für ein patriotisches Selfie zu posieren.

Was bleibt noch übrig wenn der Rest der Welt sich gegen einen verschworen hat und die Regierung stürzen und das System ändern will.

Man kann zu Maduro stehen wie man will.
Man kann den Sozialismus gut oder schlecht finden.
Man kann von Hugo Chavez denken was man will.
Eines lässt sich allerdings konstatieren:

Die Lebenssituation der Mehrheit der Venezolaner hat sich durch Hugo Chavez zum Besseren gewendet.

Die basisdemokratische Teilhabe ist ebenfalls direkter und besser als in vielen Ländern des Westens.
Die jetzige Problematik hat auch viel mit den völkerrechtswidrigen Boykotten zu tun.

Alle Venezolaner freuen sich Ausländer zu sehen und fragen wo wir herkommen und ob es uns gefällt.
Jeder versucht von sich aus englisch zu sprechen – was für Südamerika sehr untypisch ist.

Nach einem weiteren Tag beginnt früh morgens der Abstieg.

Ich hasse Abstiege.

Meist bin ich schneller auf dem Berg als runter.

Der Abstieg geht abartig auf die Oberschenkel. Noch Tage danach zittern und schmerzen die Beine.

Wir laufen durch bis zu unserem ersten Übernachtungsstop.
Nach der zweiten Flussdurchquerung bleiben wir am Fluss und baden ausgiebig und waschen unsere Klamotten.
Diesmal bleiben wir unter Wasser, um den Puri-Puris zu entgehen, die unser Blut wollen.

Der letzte Tag ist relativ einfach.

Aus der Ferne sehen wir nochmals den Roraima und sein Bruder den Kukenan-Tepui.

Nachdem wir uns von unseren Trägern verabschiedet haben, gehts zurück nach Santa Elena.
Wir bleiben noch eine Nacht in Venezuela.
Am nächsten Tag gehts an die „Linea“ und zurück über die Grenze.

Die Ausreise ist relativ schnell.

Die Einreise nach Brasilien gestaltet sich problematisch.
Wir müssten stundenlang warten, wenn wir uns an die Nummern halten.
Da wir keine Flüchtlinge sind, beschließen wir uns dumm zu stellen und uns einfach vorzudrängeln.

Jeder Depp in Uniform und mit ein bisschen Macht ausgestattet, fühlt sich unglaublich wichtig.
Das haben wir bisher überall auf der Welt, in allen Kulturkreisen feststellen können.

Zwei Möglichkeiten:

Verhalte dich devot und gib dem Arschloch das Gefühl er wäre der wichtigste Mensch auf der Welt. (sehr oft ist der Weg des geringsten Widerstands am Effektivsten; „Der Klügere gibt nach“)

Oder: schüchter das Würstchen so ein, dass es kuscht und lass den großen, reichen, wichtigen, „weißen“ Mann raushängen (eine widerliche Rolle, die man aber manchmal spielen muss sonst würde man noch Tage lang warten und müsste noch mehr Bakschisch zahlen).

Wir ignorieren den privaten Sicherheitsmann und drängeln uns einfach vor. Dem Depp schwillt der Kamm.

Da wir aber kein portugiesisch verstehen (wollen!) und konsequent englisch sprechen, nimmt uns der Immigration Officer direkt dran, da er die problematischen Subjekte los haben will.

Ich muss ihn dann nochmals drauf hinweisen wieviele Tage Visum uns zustehen.

Da ihm das Rechnen schwer fällt, bekommen wir beide nochmals 90 Tage Visum für Brasilien, obwohl wir schon einige Tage im Land waren (man bekommt 90 Tage Aufenthaltserlaubnis innerhalb von 6 Monaten; es zählt nur die Zeit solange man im Land ist).

Endlich sind wir dann fertig.

Zu guter letzt – absurder Weise – verträgt sich dann auch noch der Security-Typ mit uns.

Ende gut – alles gut.

Wir sind wieder in Brasilien.

Hier ist alles ruhig und beschaulich.

Mittlerweile sind auch die Panzer verschwunden.

In den Nachrichten wird die Lage in Venezuela immer noch genau verfolgt.

Dies- und jenseits der Grenze profitieren viele Menschen von der schwierigen Situation.

Nach einem Tag Rast in Boa Vista fliegen wir via Manaus und Sao Paulo nach Rio de Janeiro.

„The Guyanas“ – Abenteuer am nördlichen Rand von Südamerika; oder von Weltraumbahnhöfen, französischer Küche, Gefängnisinseln, holländisch sprechenden Indern und Chinesen, auf den Spuren „Papillons“, einem der höchsten Wasserfälle und Dschungel, Dschungel, Dschungel

„The Guyanas“ – Abenteuer am nördlichen Rand von Südamerika; oder von Weltraumbahnhöfen, französischer Küche, Gefängnisinseln, holländisch sprechenden Indern und Chinesen, auf den Spuren „Papillons“, einem der höchsten Wasserfälle und Dschungel, Dschungel, Dschungel

Wir kommen am frühen Morgen in Oiapoque an, einer Stadt im äußersten Norden von Brasilien, die nach dem gleichnamigen Fluss benannt ist, der die Grenze zur europäischen Union markiert.

Auf der anderen Seite befindet sich französisch Guyana, ein Überseedepartement und vollintegrierter Teil des französischen Staates und damit auch Teil der Europäischen Union und der NATO.

Seit einigen Jahren gibt es eine imposante Brücke über den Fluss – die einzige Straßenverbindung der EU nach Südamerika.

Wegen versicherungstechnischer Fragen wurde die Brücke allerdings erst Anfang 2017 für den Autoverkehr freigegeben.

Wir müssen vom Busbahnhof zur Policia Federal laufen, um uns auszustempeln. Danach nehmen wir ein Boot über den Fluss und in die nächste französische Gemeinde, mit Straßenanbindung nach Cayenne, der Hauptstadt von Französisch-Guyana.

Die Brücke ist für uns uninteressant. Wir fahren auf dem Fluss unten drunter durch.

Für den Handel zwischen der EU und Brasilien ist die Straßenverbindung wichtig. Ebenso für den europäischen Weltraumbahnhof in Kourou. Da Französisch Guyana nicht über einen passenden Tiefseehafen verfügt, können die Raketenteile jetzt über Macapa geliefert werden.

Auf der anderen Seite sind wir mitten in Frankreich. In den Bäckereien gibt es Baguette und Croissant und auch sonst sieht es wieder einmal nach Frankreich aus. Schon das zweite mal in all den Jahren, dass wir „europäischen“ Boden in französischen Grenzen außerhalb Europas betreten. Das erste mal war vor ein paar Jahren in Französisch Polynesien.

Wir sagen unserem Minibusfahrer, dass er bitte bei der Polizei halten soll – da wir hören, dass Französisch Guyana zwar Teil der EU ist, aber angeblich nicht zum Schengenraum gehört – um unseren Pass stempeln zu lassen.

Der freundliche Beamte erklärt uns allerdings (auf englisch! ein franzöischer Polizist, der freiwillig englisch spricht! unerhört! ), dass wir mit einem EU-Pass einfach so kommen und gehen können ohne Stempel, usw.

Wir sind auf dem Weg in die Hauptstadt des Landes.

Cayenne – der gleiche Name wie der Pfeffer (jetzt sind wir da wo der Pfeffer wächst!) – ist recht überschaubar.

Wir haben uns Privat eingemietet. Es gibt nur sonst Hotels und die kosten richtig was – in harter Euro-Währung.

Unser Zimmer ist etwas außerhalb. Mit dem öffentlichen Verkehr (außerhalb der Hauptstadt gibts das kaum!) kommen wir bis fast vor die Haustür.

Die Stadt hat auch sowas wie ein „historisches Zentrum“.

Der größte Arbeitgeber scheint der französische Staat und die EU zu sein, sowie einige halbstaatliche Organisationen und Institute.

Der Gegensatz zwischen arm und „reich“ ist groß.
An den Supermarktkassen zahlen viele Leute mit staatlichen Essensmarken.

Das Warenangebot ist top, wie in Frankreich.
Gute subventionierte Produkte aus Frankreich zu günstigen Preisen.
Hier gibt Camembert, Rotwein, Sekt und viele andere Leckereien zu günstigen Preisen. Im Rest von Lateinamerika entweder nicht zu bekommen (nicht in dem Maße) oder nicht zu bezahlen.

Eigentlich sind wir hauptsächlich nach Cayenne gekommen,um das Konsulat von Surinam aufzusuchen.
Dem nächsten Land auf unserer Reise.
Dafür muss man sich eine sogenannte „Touristcard“ besorgen. Sprich: Geld bezahlen, um einreisen zu dürfen.
An sich kein großer Akt.
Das erste mal überhaupt müssen wir eine Gelbfieberimpfung nachweisen. Bisher in Südamerika hat das niemanden gejuckt.
Natürlich haben wir das Dokument parat.

Von Cayenne aus fahren wir mit einem Minibus nach Kourou.
Die Stadt ist für uns das Ticket ins All. Von hier aus fliegen wir zum Mars. Die Reise dauert sechs Monate.
So ähnlich könnte es in einige Jahren zu lesen sein. Leider kann man das noch nicht machen. In einigen Jahren wird es Flüge zum Mars geben, der dann auch besiedelt wird.
Die Erde wird auf Grund der steigenden Temperaturen in weiten Teilen nicht mehr bewohnbar sein.
Der Mensch muss sich ein neues Habitat suchen, nachdem er aus Gier, Ignoranz und Dummheit sein jetziges fast zerstört hat.

Wir sind allerdings wirklich hier, um einen Raketenstart mitzuerleben. Der europäische Weltraumbahnhof der ESA befindet sich in Kourou. Ebenso wie eine Garnison der berühmt-berüchtigten Legion etrangere – der französischen Fremdenlegion, die das Gelände bewacht und deren Soldaten im Dschungel ausgebildet werden.

Das erklärt auch warum man viele muskelbepackte Männer mit kurzgeschorenen Haaren in den Straßen und am Strand joggen sieht.

Am Wochenende machen wir einen Ausflug zu den drei ehemaligen Gefängnisinseln, die Teil der französischen Strafkolonie Guyana waren.
Auf der „Teufelinsel“ war der Offizier Alfred Dreyfuß inhaftiert, der Namensgeber der „Affäre“, die die franzöische III.Republik erschüttert hat.

Ein anderer berühmter Sträfling war Henri Charriere, dessen Lebensgeschichte in dem Roman Papillon (und dem gleichnamigen Film) erzählt wird.

Die Gefängnisinseln sind etwa 13 Kilometer vor der Küste gelegen.
Die Inseln sind eigentlich sehr idyllisch.
Die Ruinen der Gefängnisgebäude zeigen immer noch wie brutal der Alltag war.
Vor allem auf der Insel St.Joseph sieht man immer noch die Zellen wo Gefangene untergebracht waren, für die Isolationshaft angeordnet wurde.
Die Zellen waren nach oben offen und erinnern eher an zu kleine Tierkäfige.

Nachdem wir einen schönen Tag auf den Inseln verbracht und einem Raketenstart beigewohnt haben, geht es Richtung Grenze zu Surinam, dem ehemaligen „Niederländisch Guyana“, wo auch heute noch alle Leute niederländisch sprechen.

Hier gibt es keine Brücke.
Der Grenzfluß wird auf einem kleinen Boot zurückgelegt.
Die Einreise ist recht schnell und problemlos.
Die nervigen Minibusfahrer ignorieren wir.
Die wollen viel zu viel.

Wir wechseln ein wenig Geld in Suriname Dollar und laufen Richtung Busbahnhof. Man kann mit dem öffentlichen Transport in die Hauptstadt Paramaribo fahren.
Wir treffen allerdings jemanden, der schon zwei Passagier in seinem PKW sitzen hat und uns mitnimmt.

Auf die Frage was er dafür haben will, fragt er wieviel wir bezahlen wollen.
Den Preis den wir nennen ist ein Bruchteil von den überhöhten Vorstellungen der Minibusfahrer, aber scheinbar ausreichend für unseren Fahrer.
Die Fahrt im klimatisierten Auto ist entspannt und angenehm. Wir werden in Paramaribo bis vor unsere Unterkunft gefahren, die ein wenig außerhalb liegt.

Der Weg dorthin führt über eine große Brücke über den Suriname-Fluss – unter der selbst Tanker und Containerschiffe durchfahren können – und durch die Stadt, mit all ihren historischen Gebäuden und vorbei am Präsidentenpalast.

Das kleine Land ist ein kultureller und ethnischer Schmelztigel.
Der Handel ist fest in „chinesischer“ Hand. Transport und Baugewerbe wird von „Indern“ dominiert.

Alle sprechen „holländisch“ und sind Bürger Surinams und Nachkommen von „Sklaven“ und billigen Arbeitskräften die mit Versprechen ins Land gelockt wurden.
Ebenso leben hier einige europäisch-stämmige Menschen, „Eingeborene Indianer“ und Schwarze aus der Karibik.

Zu essen gibt es viel indische Currys – für uns ein Traum.

In der Innenstadt steht eine große Moschee neben einer großen Synagoge.
Ebenso gibt es etliche Kirchen, Hindutempel und ein Gebetshaus der Baha’i.
„Multikulti“ ist hier gelebte Realität.

Wir unternehmen einen Fahrradausflug in die ehemaligen Plantagen und besichtigen ein ehemaliges Fort, das im Zweiten Weltkrieg Internierungslager für deutsche Soldaten war.

Im Suriname-Fluss liegt immer noch das Wrack der Goslar, einem deutschen Frachtschiff, dass 1940 von der Mannschaft versenkt wurde.
Selbige war dann in dem Fort interniert.

Es ist schwül-heiß.
Irgendwann entlädt sich ein tropisches Gewitter.

Danach ist die Luft sauber und es macht Spaß durch den Sprühregen über die große Straße in die Stadt zurück zu fahren.

Wir ziehen weiter nach Guyana.

Wieder geht es über einen Fluss, der die Grenze markiert. Diesmal mit dem Autofähre.

Die Einreise ist chaotisch und es bilden sich lange Warteschlangen.

Den Grenzern sieht man an, dass sie korrupt sind und die eigene Bevölkerung beklauen.
Ausländer werden schnell abgefertigt.
Die Einheimischen haben teilweise zwei Nationalitäten und Pässe.
Es wird geschmuggelt. Auch Devisen werden schwarz eingeführt.
Alles geht drunter und drüber.
Wir kommen zwar schnell und problemlos durch, aber außerhalb müssen wir warten, bis der Minibus voll ist.

Guyana – eine ehemalige britische Kolonie – ist das einzige englischsprachige Land in Südamerika.
Allerdings ist das „Kreolenenglisch“ das dort gesprochen wird, sehr gewöhnungsbedürftig.

Dieses „karibische“ Englisch haben wir auch schon an der Karibikküste von Nicaragua und Honduras gehört und es muss auch das gleiche Englisch sein, dass man in Jamaika spricht.

Guyana ist der chaotischste und korrupteste aller drei „Guyanas“ und ein Land, das einem „failed state“ am nächsten kommt.

Die Entwicklung ist wie bei vielen anderen Staaten in Lateinamerika auch deshalb schief gelaufen, weil die USA mal wieder Angst vor dem Kommunismus hatten und die CIA einen Putsch inszeniert hat.

Seit damals bereichern sich Berufsverbrecher daran das Land auszunehmen.

Gold und Diamanten sind die Hauptexportgüter des Landes. Große Erdöl und Gasvorkommen vor der Küste lassen die Dollarzeichen in den Augen vieler Politiker aufblitzen.

Gleichzeitig liegt die Hauptstadt Georgetown aber einige Meter unterhalb des Meeresspiegels, ebenso wie der Rest des fruchtbaren Landes.

Die Deiche – noch aus Kolonialzeit stammend und damals sogar noch von Holland entwickelt und gebaut (bevor die Briten kamen, gehörte es kurzzeitig zu Holland) – sind schon etwas älter und vor ein paar Jahren bei einem Hurrikan standen weite Teile des Landes und der Hauptstadt unter Wasser.

Der Klimawandel wird sein übriges dazu beitragen, dass Guyana keine Zukunft hat.

Die Tatsache, dass die Machtelite sich an den Bodenschätzen – ausgerechnet Erdöl und Gas – bereichert, wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte und könnte als Parabel dienen.

Die Gier ist so groß, dass man sich buchstäblich den eigenen Untergang herbeischafft.

Der größte Teil des Landes ist Dschungel.

Damit das so bleibt zahlt das Königreich Norwegen viel Geld.

Norwegen – selbst durch Erdöl zu einem reichen Land geworden – erleichtert sich sein Gewissen dadurch, dass es seine moralische Schuld an der Zerstörung des Planet dadurch wieder gutzumachen versucht, indem es Guyana viel Geld (hunderte Millionen Euro) bezahlt, dass die im Gegenzug nichts tun, oder vielmehr den Urwald schützen.

Das klappt einigermaßen.

Wenn man allerdings über das Land fliegt – was wir getan haben – sieht man überall Minen (legale und illegale) deren giftige Abwässer die Gewässer vergiften und die über Pisten erreichbar sind, die in den Wald geschlagen wurden.

Den Flug haben wir unternommen, um den Kaieteur-Wasserfall zu sehen. Einen der höchsten „Single-Drop-Wasserfälle“ des Planeten.

Der Hinflug war durch dicke Wolken und vereinzelte Schauer. Die kleine Maschine ist wie ein betrunkener Paradiesvogel durch den Himmel geschlittert.

Flüge in kleinen Maschinen und potenzielle Abstürze machen mir nichts aus, da man ja schließlich sieht wohin man fallen würde.

Ich verstehs selbst nicht, ist aber so.

Wir sind allerdings gut hingekommen, der Pilot – ein echter Buschpilot – hat einen erstklassigen Flug hingelegt inklusive Starts und Landungen und schöne Kurven geflogen, damit wir den Wasserfall voll und ganz genießen können.

Wir hatten dann einige Stunden Aufenthalt und konnten den Wasserfall und den Dschungel in vollen Zügen genießen.

Der Rückflug war absturzangst-frei und bei blauem Himmel fast schon langweilig.

Aus der Luft konnten wir Georgetown sehr gut sehen.

Ansonsten ist die Stadt recht runtergekommen. Man hat öfters das Gefühl in einer Bürgerkriegsstadt zu sein. Am Wochenende ist die Innenstadt so leer wie in einem Zombie-Apokalypsen-Film und auch ebensolche Gestalten hängen dort ab.

Es ist ratsam eine Machete oder einen Revolver mit sich zu führen. Das Land und vor allem die Stadt – ist Wilder Westen. Nach beginnender Dämmerung sollte man ebenso nicht nach draußen gehen.

Wenn man die Lokalzeitungen durchblättert, steht Raub und Mord auf der ersten Seite.

Ebenso sind nach etlichen Wochen immer noch zahlreiche ehemalige Häftlinge auf freiem Fuß, die bei einem Massengefängnisausbruch – bei dem auch reingeschmuggelte Granaten zum Einsatz kamen!!! – ihre Freiheit erlangt haben.

Das war übrigens nicht das erste mal.

Er gibt auch noch einige geheime Waffenverstecke von einem fast-Bürgerkrieg vor ein paar Jahren.

Das Land steht ständig auf der Kippe zum Chaos.
Gut, wenn man das nicht miterleben muss.
Ansonsten ist es recht schön hier. Es gibt allerdings wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Ende der 1970er Jahre kam Guyana in die Schlagzeilen, weil die „Peoples Temple“ um den Prediger Jim Jones im sogenannten „Jonestown-Massaker“ Massensuizid begangen hatten.

Wir waren nur kurz in der Stadt – zu lange – und haben uns dann über Land auf den „Rückweg“ nach Brasilien gemacht.

Die Straße führt durch den Dschungel auf einer Piste.

Auf Grund des Wetters war die Fahrtzeit auf 16 Stunden festgesetzt.

Weil unser Minibus im Dschungel eine Panne hatte und wir auf ein Ersatzteil aus Georgetown warten mussten, waren wir im Endeffekt fast 48 Stunden unterwegs, bis wir endlich Lethem – die Grenzstadt zu Brasilien – erricht hatten.

Dort konnten wir dann endlich den roten Staub abduschen und in einer Hängematte schlafen; eine Wohltat nach 2 Tagen Minibus und Dschungel.

Unsere Mitreisenden war eine Gruppe Brasilianer, die illegalerweise in Guyana gearbeitet hat und auf dem Rückweg nach Mato Grosso war – einem brasilianischen Bundesstaat mit zu vielen Arbeitslosen und zu wenig Hoffnung.

Von Lethem sind wir über die Grenze gelaufen und waren froh wieder in Brasilien zu sein.

Die beiden Beamte der Policia Federal waren die freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen, die wir jemals an einer Grenze getroffen haben. So ist es uns nach Guyana zumindest erschienen, dort sind alle ein wenig rau im Umgang miteinander.

Diesmal sollten wir uns aber nur kurz in Brasilien aufhalten, da wir nur auf dem Weg nach Venezuela waren.

Wir haben unser großes Gepäck in Boa Vista zurückgelassen und haben uns auf den Weg „ins gefährlichste Land Südamerikas“ gemacht (wenn man der europäischen Presse Glauben schenken möchte).

Reisen auf und im Amazonas(gebiet); oder der Hängematten-Flussschifffahrts-Blues in der „grünen Hölle“

Reisen auf und im Amazonas(gebiet); oder der Hängematten-Flussschifffahrts-Blues in der „grünen Hölle“

Back again in Kolumbien.

Wir haben eine Nacht und einen Morgen Aufenthalt und schlafen in Bogota.
Die Menschen sind freundlich. Es ist kalt.

Am nächsten Mittag geht es weiter nach Leticia.
Ich war hier schon einmal, fast vor genau einem Jahr.

Damals war es noch schwüler und hat mehr geregnet.

Hier im Süden des Landes, am kleinen Wurmfortsatz der tief nach Brasilien oder Peru hineinragt ist man mitten in der „grünen Hölle“ des Regenwaldes.

Wir bleiben zwei Nächte. Organisieren unsere Weiterfahrt.

In brütender Hitze laufen wir in die brasilianische Schwesterstadt von Leticia, Tabatinga.

Nach unzähligem Rumfragen und ein paar Fehlversuchen finden wir den Hafen und bringen in Erfahrung – mit eigentlich null portugiesischem Wortschatz – dass am nächsten Tag gegen Abend ein Boot nach Manaus fährt.

Wenn wir das Ticket heute noch kaufen ist es billiger als am Tag der Abfahrt.

Die Schiffe sind alle ähnlich gleich gut oder schlecht. Je nach Sichtweise.

Im Preis inbegriffen sind drei Mahlzeiten, Trinkwasser und ein Hängemattenplatz.

Wir überlegen kurz und entscheiden das Ticket zu kaufen. Länger wollen wir es nicht in Leticia aushalten müssen.

Wir stempeln noch am gleichen Tag in Kolumbien aus und in Brasilien ein. Die Einreise verläuft schnell und unkompliziert. So wird es uns weiterhin mit der brasiliansichen Policia Federal ergehen.

Am nächsten Tag sollen wir 2 Stunden vor Abfahrt da sein.

Da wir schon einige Erfahrung mit Schiffen haben, sind wir früher da, wissen aber, dass wir später als angekündigt auslaufen.

Bevor irgendjemand an Bord darf, wird nochmals von der Polizei Ticket und Pass kontrolliert. Von jedem Reisenden.

Danach wird das Gepäck in Reihen aufgestellt und irgendwann kommt die Policia Federal mit Spürhunden.

Bevor die Hunde durchgehen, läuft ein 2 Meter großer glatzköpfiger und brutal durchtrainierter Hüne von einem Polizisten durch das Gepäck-und Passagierchaos und bringt alleine durch seine Erscheinung Ordnung in das Konglomerat aus Mensch und Gepäck.

Alle Leute müssen einen ausreichenden Abstand zu dem Gepäck einhalten.

Danach gehen ebenfalls martialisch aussehende Beamte mit belgischen Schäferhunden durch die Reihen der Koffer, Rucksäcke, Tüten, Bananenstauden, Hühnerkisten und vielen anderen Dingen, die mitgenommen werden sollen.

Das Schiff ist dreistöckig und hunderte von Menschen wollen mitfahren.

Wir befinden uns an einem drogenmäßig neuralgischem Punkt.

Kolumbien, Peru und Brasilien grenzen hier aneinander.

Kokain ist Schmuggelgut Nummer eins.

Viele wollen schnelles Geld machen.

Jetzt wo die FARC in Kolumbien offiziell aus dem Business ausgestiegen sind und sich aufgelöst haben, herrscht in Brasilien ein Krieg um Einfluss- und Verteilungsphären, der mitunter – und immer mehr – blutig/tödlich geführt wird; natürlich, was sonst – erwartet irgendwer was anderes!?!

Deswegen schnüffeln die Hunde das Gepäck ab.

Bevor wir das eigentlich Passagierdeck betreten, werden wir nochmals kontrolliert; diesmal nur Ticket und Pass und die unnötige Frage wohin wir reisen. Natürlich dorthin wo das Schiff fährt, nach Manaus.

Während der 4 tägigen Fahrt werden wir öfter kontrolliert.

In unregelmäßigen Abständen kommt die Policia Federal an Bord und kontrolliert die Pässe und stichprobenartig das Gepäck.

Merkwürdigerweise haben sie es dabei immer auf Ausländer abgesehen.

Dabei haben die meisten Brasilianer eher einen Grund sich als Drogenkurier ein „Zubrot“ zu verdienen.

Mit an Bord sind sehr, sehr viele SchülerInnen von unterschiedlichen Schulen in Tabatinga, die nach Manaus reisen, um an verschiedenen Wettbewerben teilzunehmen.

Für die Lehrer heißt das ein paar zusätzliche Tage frei haben und es sich auf dem Schiff gut gehen lassen.

Am Abend fließt der Cachaca und manche Lehrer lassen die Hüften kreisen.

In Europa wohl eher unvorstellbar.

Für uns mittlerweile normal nach eineinhalb Jahren Lateinamerika.

Der Alltag auf den Amazonasschiffen ist klar strukturiert.

Morgens gibts es Frühstück – cafe do manja in portugiesisch.

Schnell soll uns klar werden, dass diese „Mahlzeit“ in Brasilien extrem wichtig ist – auch wenn sie meistens aus trockenem Brot mit Butter besteht und dazu extem gesüßter Kaffee aus „fingerhutgroßen“ Becherchen.

Diese Art von Kaffee gibt es immer und überall über den Tag verteilt.

Selbst Taxifahrer bieten uns irgendwann welchen an….einfach so, zwischendurch.

Nach dem Frühstück wird geduscht.

Brasilianer duschen gefühlte 23 mal am Tag – mindestens!

Dazu wird vor (!) und nach jeder Mahlzeit die Zähne geputzt.

Körperkult – in jedweder Form wird groß geschrieben in Brasilien.

Danach gehts wieder in die Hängematte – die gibts übrigens in Brasilien in jeder möglichen Form, Größe und Farbe wie Sand am Meer zu kaufen.

Man schläft in Hängematten äußerst bequem.

Allerdings wird es auf dem Amazonas durchaus recht kühl, da ein konstanter Wind weht, der teilweise recht heftig blasen kann.

Am besten hat man eine dünne Decke und Jacke dabei.

Zum Mittagessen steht man wieder an, ebenso zum Abendessen.

Gegessen wird auf diesen Schiffen im „Schichtbetrieb“.
25 Leute passen schätzungweise in den kleinen, klimatisierten Raum.

Die anderen warten in Schlange stehend davor.

Trinkwasser gibt es in gefilterter und gekühlter Form überall in Brasilien; auch auf Amazonasschiffen.

Unser Kahn ist dreistöckig und aus Metall.

Es gibt auch hölzerne Schiffe, die allerdings langsamerer sind.

Ein paar Kabinen am Bug des obersten Deckes bieten mehr Privatsphäre; allerdings zu einem Preis zu dem man auch fliegen kann.

Auf dem Oberdeck befindet sich zusätzlich ein kleines Kiosk, wo man Snacks und kalte Getränke kaufen kann.

Während der Fahrt hängt man in seiner Hängematte rum, liest, beobachtet die Landschaft und döst in den Tag hinein.

Das Schiff macht an größeren und kleineren Siedlungen halt. Es fungiert oft als einzige Verbindung zur Außenwelt.

Es fahren allerdings täglich Schiffe.

Kleinere Schiffe verkehren mehrmals täglich auf kürzeren Routen.

Der Amazonas ist sehr bussy.

Überall wohnen Menschen. Überall dringt der Mensch vor und zerstört dadurch Natur.

Wir sind auf diesem Planeten wie ein Krebsgeschwür. Wir wuchern und wuchern immer unaufhaltsamer weiter und zerstören und töten immer mehr.

Überall hinterlassen wir Müll und vergewaltigen die Natur.

Nach ein paar Tagen auf diesem riesigen Strom kommen wir in Manaus an.

Die Stadt im Dschungel.

Der Fluß ist hier so breit wie ein Meer.

Die Stadt so unbeschreiblich groß.
Hier leben über 2 Millionen Menschen.
Es gibt hier riesige Hafen- und Industrieanlagen.

Ständig fliegen Flugzeuge in den Rest des Landes.

Für viele Menschen steht die Stadt für Fortschritt und Bezwingung der Natur.
Andere sehen Zerstörung der Natur und Rückschritt.

Wenn man sich der Stadt vom Fluss aus nähert, ist man definitiv überwältigt.

Der Kautschukboom hat die Stadt groß gemacht. Sinnbildlich hierfür steht das Opernhaus.
Ein Opernhaus mitten im Dschungel! Irre!

Das Gebäude ist nebenbei bemerkt beeindruckend schön!

Die Hafenanlagen sind riesig. Hier werden gigantische Containerschiffe be- und entladen.

Wir kommen bei Sonnenuntergang an.
Der Hafen ist komplett tot. Unheimlich wenig ist los.
Wir finden endlich ein Taxi und fahren in eine nahe Unterkunft.

Dort haben wir ein sauberes, sicheres Zimmer mit Frühstück und können unsere Wäsche waschen und trocknen.

Das Viertel ist sehr komisch und Nachts defintiv problematisch!

Nach Sonnenuntergang ist man besser nicht mehr unterwegs. Das gilt für ganz Brasilien, ja fast ganz Lateinamerika.

In der Eckkneipe/Kiosk direkt außerhalb unserer Unterkunft trifft man die merkwürdigsten Gestalten.

Der Wirt/Besitzer hat alles fest im Griff.

Wir schauen uns am nächsten Tag die Stadt an. Es gibt für Touristen nicht allzu viel zu sehen, dafür umso mehr „Alltag“ zu beobachten.

Während wir rumlaufen werden wir Zeugen mehrerer Diebstähle und Raube.

In Brasilien ist die Ungleichheit zwischen arm und reich extrem groß.

Viele Menschen werden in die Kriminalität getrieben, während kriminielle Politiker und andere Berufsverbrecher sich ekelhaft und straffrei bereichern.

Die Markthallen, das Openhaus und andere Gebäude sind Zeugen vergangenen Glanzes der Stadt.
Sic transit gloria mundi – so vergeht der Ruhm der Welt; wie es bei Asterix heißen würde.

Nach ein paar Tagen besteigen wir das nächste Schiff.
Wir lernen und warten erst einmal.
Nicht jeder Verkäufer bietet den gleichen Preis. Wir vergleichen die Schiffe.

Schließlich merken wir: alle gleich!

Wir schiffen uns ein mit Ziel Santarem.
Die Stadt liegt auf halbem Weg zwischen Manaus und Macapa.

Dort wollen wir nach Alter do Chao – der „Karibik des Amazonas“ wie es übertriebenerweise genannt wird.

Es handelt sich um einen schönen Sandstrand an einem „Seitenarm“ des Amazonas in einer Lagune.

Vorher allerdings verlassen wir erst einmal Manaus.

Am Zusammenfluss von Amazonas und Rio Negro treffen sich dunkles (schwarz-grünes) und braunes Wasser. Das Farbspiel ist verblüffend.

Unser „neues“ Schiff ist genauso „ok“ wie das vorherige. Nur die Schüler „fehlen“, dafür sind genug andere „Charaktere“ an Bord.
Der Alltag an Bord bleibt immer gleich.

Man döst in den Tag hinein und lässt die Welt an sich vorbei ziehen.
Zeit und Raum haben in diesem Teil der Welt keine Bedeutung mehr.

Wir erreichen nach weiteren 3 Tagen Santarem ohne größere Zwischenfälle.

Ab Manaus gab es keine Polizeikontrollen mehr. Also für alle Schmuggler: Seid ihr erst einmal in Manaus, ist alles gut!

Santarem befindet sich auf halbem Weg zwischen Manaus und der Amazonasmündung.

Die Stadt ist klein, überschaubar, recht langweilig.

„Alter do Chao“ ist ein Ziel für In- und Ausländische Touristen. Viele Brasilianer machen in ihrem Land Urlaub.
Sobald sie ins Ausland gehen, haben sie Probleme sich zu verständigen. Überall sonst in Südamerika spricht man Spanisch.
Überraschenderweise sprechen wenig Brasilianer englisch, oder zumindest ungern und gehemmt.
Wenn man kein portugiesisch spricht, ist Spanisch definitiv hilfreicher als Englisch. Zumindest gilt das für die entlegeneren nördlichen Gebiete.
An der Küste und den goßen Städten sprechen auch einige Leute Englisch, wie wir später feststellen werden.

In „Alter do Chao“ hängt man am Strand ab, trinkt, isst und lässt es sich gutgehen.

Manch kleiner Schifffahrtskapitän mit einem hölzernen Boot, das wie bei „Steamboat Willie“ ausschaut, bietet sein Boot für ein Wochenende zu Verfügung. Ganze Großfamilien, Clans und Dorfgemeinschaften buchen so ein Boot, dümpeln am Ufer rum, schlafen in Hängematten und grillen das ganze Wochenende.

Länger als einen halben Tag hält man es dort nicht aus.

Nach einer weiteren Nacht in Santarem finden wir uns wieder auf einem Boot Richtung Macapa, einer Stadt direkt auf dem Äquator und fast an der Amazonasmündung.

Der Hafen ist leider 30 Kilometer außerhalb der Stadt, sodass wir Nachts bei Ankunft ein Taxi nehmen müssen.

Die Stadt ist völlig unspektakulär und wirkt runtergekommen.

Die Aufbruchstimmung durch Fußballweltmeisterschaft und Olympische Spiele ist der Realität gewischen.
Die ehemalige portugiesische Festung am Fluss ist von hohem Gras überwuchert.
Ein Pier (mit Touristenzug) verrottet vor sich hin. Die leeren Räume der Touristeninformationen werden von einem Wachmann vor Vandalismus bewacht.

Wir sind nur hier, um einen Bus in den Norden zu nehmen. Wir wollen vorerst Brasilien verlassen und nach Europa….ja, genau: Von Südamerika nach Europa auf der Straße, genauer gesagt über eine Brücke.
Ein kurzer Blick auf die Weltkarte kann hier Klarheit schaffen.

Wir besteigen am Abend einen Bus und fahren über Nacht mehrere hundert Kilometer nördlich Richtung brasilianischer Grenze.
Die Straße ist mittlerweile größtenteils geteert, aber einige Abschnitte sind immer noch Piste. Besonders zur Regenzeit teilweise unpassierbar und/oder nur mit viel Zeit und Mühe zu befahren.